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Als Werner Wilms, Fachschulrat am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (GHS) Freudenstadt, seinen Kolleginnen und Kollegen kundtat, er wolle an der Förderschule ein Blasorchester gründen, erklärten diese ihn nicht gerade für verrückt, hielten ihm aber entgegen, dass es schon schwierig genug sei, mit lernbehinderten Kindern in der üblichen Klassengröße (8-14 Schülerinnen und Schüler) zu arbeiten und fragten, wie er sich zutrauen können, mit rund 30 Kindern zwei Stunden lang sinnvolle, zielorientierte Arbeit zu leisten. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Orchestermitglieder Gruppenunterricht erhalten und die Gesamtproben durch Registerproben vorbereitet werden. Es gehört ein hohes Maß an Optimismus und Durchhaltevermögen dazu, dass eine solche Sisyphusarbeit zum Erfolg führt, dass nämlich am Ende der Felsbrocken auf dem Berg liegen bleibt und dass das, was die Kinder produzieren nicht chaotischer Lärm, sondern Musik ist. Zur Ehrenrettung des Kollegiums sei vermerkt, dass es Werner Wilms trotz seiner anfänglichen Bedenken nach Kräften unterstützte, was in besonderem Maße, auch für die Schulleiterin, Frau Dr. Günther, gilt.

Manch einer wäre vielleicht schon an der Aufgabe verzweifelt, ohne finanzielle Mittel Instrumente zu beschaffen. Nicht so Werner Wilms. Mit der ihm eigenen Überzeugungskraft schaffte es es, dass ihm von den Musikschulen Baiersbronn und Freudenstadt, von der Stadtkapelle Dornstetten sowie von dem Musikhaus Rudert Instrumente geliehen wurden. Natürlich waren das gebrauchte Instrumente verschiedener Fabrikate, die erst durch Spenden der Kreissparkasse Freudenstadt und der dortigen Volksbank spielfertig gemacht werden konnten. Erfreulicherweise spendierte dann nach einiger Zeit der Südwestrundfunk im Rahmen des Projekts „Herzenssache für Kinder“ neue Instrumente. Es konnte nun zurückgegriffen werden auf 6 Querflöten, 3 Klarinetten, 3 Alt-Saxophone, 4 Trompeten, 3 Posaunen, 3 Euphonien, 1 Tuba und 1 Schlagzeug.

Im November des vergangenen Jahres besuchte ich eine Probe, voller Zweifel an der Möglichkeit mit lernbehinderten Kindern all den Schwierigkeiten gerecht zu werden, die sich bei der Aufführung z.B. des Militärmarsches Nr. 1 von Franz Schubert ergeben. Zwar wurde das Stück deutlich langsamer gespielt als üblich, aber mit guter Intonation und präzisem Rhythmus. Die Probe begann mit Einblasübungen aus den Essential Elements, eines von Yamaha konzipierten Lehrgangs. Darauf folgten Tonleiterstudien nach Rubank. Wilms begleitete diese einstimmigen Übungen gewandt am Klavier, was zugleich als harmonischer und rhythmischer Kitt diente und so aus einer langweiligen Übung Musik machte. An dem folgenden Stück „Farmhouse-Rock“ erklärte der Dirigent, was unter Vierstimmigkeit zu verstehen ist und setzte den neuen Begriff sofort dadurch um, dass er an einer bestimmten Stelle des Stücks die Mittelstimmen hervortreten ließ.

Auch einige formale Kenntnisse wurden mit Hilfe dieses Stücks vermittelt. Die Mitglieder des Blasorchesters waren mit guter Konzentration bei der Arbeit und mussten nur ganz selten zur Ordnung gerufen werden. Werner Wilms leistete mit seiner überzeugenden Präsenz – alle und alles im Auge und „im Ohr“ behalten, Fehler sofort hören und korrigieren, spieltechnische Anweisungen für die einzelnen Instrumente geben usw. – hervorragende musikpädagogische Arbeit. So ist nicht verwunderlich, dass dem Blasorchester der Förderschule viel Anerkennung gezollt wurde, sei es beim Freudenstädter Stadtfest, bei der „Klingenden Mainau“, bei den Landesorchestertagen Balingen usw. Viel wichtiger ist aber, dass Eltern und Lehrer der beteiligten Schüler davon berichten, wie sehr ihre Schützlinge an Selbstvertrauen gewonnen haben.

All denen, die mit Brecht sagend „Aber die Verhältnisse, sie sind nicht so“ begründen, warum ihre Schule musikalisch lahmt, möchte ich ermutigen, sich an der Christophorusschule Freudenstadt ein Beispiel zu nehmen. Vielleicht stimmt´s doch: „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.“

Heinz Späth: Aufbau eines Blasorchesters an einer Förderschule in

Freudenstadt